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Mehr als 1 Milliarde Messer in 85 Jahren in aller Welt:

FIRMA ERNST GERLING aus Solingen mit dem Zeichen "Okapi" von 1902 - 1987 

Urmenschen griffen zu scharfkantigen Feuersteinen, sogenannten Eolithen oder auch zu Muscheln, wenn es etwas zu schneiden gab. Die Hallstattzeit kannte bereits Dolchmesser mit Eisenklingen. Erst von den Römern sind Messer überliefert, welche Griffe aus Holz, Bein und Bronze aufweisen. So fand beispielsweise das Tischmesser um 37 v. Chr. erstmals Erwähnung. Wenn man vom Jedermannsmesser in den 85 Jahren des vergangenen Jahrhunderts besonders in Afrika und in allen Entwicklungsländern sprach, fiel der Name einer kurzhalsigen Giraffe: OKAPI. Dahinter steckte die Firma Ernst Gerling in Solingen.  

Gründer war 1902 der Handlungsgehilfe Ernst Gerling, der anfangs seines Berufslebens eine Gastwirtschaft betrieb, später als selbstständiger Heimarbeiter für Solinger Stahlwarenfirmen arbeitete. Schon nach wenigen Jahren wurden in der Herstellung von preiswerten Messern 70 Arbeiter beschäftigt und vor Allem afrikanische und orientalische Länder über Hamburger Exporteure beliefert.

1919 trat die zweite Generation ein: Ernst Gerling jun.. Er hatte nach dem Abitur im ersten Weltkrieg Frontdienst geleistet und geriet in russische Gefangenschaft, in welcher er in kurzer Zeit die russische Sprache erlernte und als Dolmetscher dann ein Jahr nach Kriegsende in die Heimat entlassen wurde. Voller Elan betrieb er den technischen Ausbau und forcierte den nun weltweiten Export. Patenterwerb bot 1933 die Grundlage für einen weiteren Produktionszweig: Zu Messern und Scheren kamen Artikel aus gepressten Buchenholzfurnieren wie Tabletts, Schüsseln, Brotschalen und besonders Messergriffe für die eigene Produktion wie auch für andere Stahlwarenfabriken unter dem Begriff "GERLING-HOLZ". Der Absatz stieg rapide. 1937, im Todesjahr des Gründers, beschäftigte man schon über 600 Mitarbeiter. Den zweiten Weltkrieg überstand das Haus ohne Bombenschaden. Wer kannte nicht die klappernden Pressholzsohlen aus jenen lederknappen Tagen. Das Angebot, eine Schuhfirma mit diesen "Kläpperchen" genannten Schuhen zu gründen, wurde ausgeschlagen, um sich ganz der Herstellung von Stahlwaren und Pressholzartikeln zuzuwenden. So sind seinerzeit die ara-Schuhwerke entstanden. Gerling fertigte neben diesen Pressholzsohlen auch Schienenteile, Brotgarkörbe, Kruzifixe, Schneidebretter, sage und schreibe Skier und Vieles mehr. Das Angebot eines belgischen Erfinders, die Herstellung des Servierwagens "Dinett" zu übernehmen, wurde ausgeschlagen und stattdessen der Firma "Bremshey" (bekannt durch den Knirps) übergeben mit der Massgabe, dass die Tabletts von Gerling geliefert wurden. Mehrere Hunderttausend Servierwagen wurden hergestellt, nur nach dem Tod von Ernst Gerling jun. 1978 hielt man sich bei Bremshey nicht mehr an die Abmachung und spielte die beiden deutschen Tabletthersteller, neben Gerling gab es noch die Firma Köngen, gegeneinander aus.  

Mehr als fünf Jahrzehnte steuerte Gründersohn Ernst Gerling jun. das Unternehmen. Morgens der Erste, abends Letzter im Betrieb, nannte man ihn mit Recht "das Herz der Firma". Sämtliche Fertigungsverfahren des Hauses waren Resultat seiner tatenfroh-schöpferischen Entwicklungsarbeit; keine technische Einrichtung, die er nicht beeinflusst und erprobt hätte. In der betriebseigenen Schlosserei, seinem Steckenpferd, wurden Maschinen und Werkzeuge, die er entwarf oder umgestaltete, dann gebaut. Urlaub war für ihn eine fremde Vokabel. Er war streng und gütig, soziale Verantwortung für seine Mitarbeiter war ihm Selbstverständlichkeit. Sein einziges Hobby: der Betrieb! Wichtig war auch für ihn die Mitarbeit im Arbeitgeberverband sowie im Fachverband Schneidwaren, obwohl er zusammen mit einer handvoll Herstellern von preiswerten Messern im Stadtteil Ohligs gegen die angeblichen Qualitätsansprüche der Solinger Firmen oftmals ankämpfen musste.

Mit Jochen Gerling, Jahrgang 1939, übernahm 1961 die dritte Generation Mitverantwortung. Er hatte nach dem Abitur das Wirtschaftsingenieur-Studium begonnen, musste aber nach schwerer Krankheit des Vaters nach Solingen zurückkehren. Da es hier an Arbeitskräften mangelte, wurde 6 km entfernt, auf Lanfenfelder Grund, in einem der ersten Industriebgebiete von Nordrhein-Westfalen, eine weitere Fabrik etabliert. Hier wurde auch die neue Firma GERLING & SOHN gegründet, die sich mit grossem Erfolg als Handelsfirma mit der Belieferung von Non-Food-Artikeln an Lebensmittelgeschäfte befasste.  

Man beteiligte sich am irischen Zweigwerk eines anderen Solinger Herstellers und schuf so einen Brückenkopft zum amerikanischen Markt. Um dem beginnenden Wettbewerb der fernöstlichen Konkurrenz auf den Weltmärkten entgegenzutreten, wurde im afrikanischen Ghana eine neue Fabrikation errichtet, die aber aufgrund eines Regierungsumsturzes wieder aufgegeben werden musste. Als abzusehen war, dass für Serviertabletts und Messergriffe aus Pressholz aufgrund der fehlenden Spülmaschinenfestigkeit keine Zukunft bestand, wurde im süddeutschen Neckartenzlingen eine neue Fabrik gebaut, die Kunststofftabletts herstellte und in einem weiteren neuen Betrieb in Solingen wurden für den europäischen Markt diverse Artikel aus Kunststoff gespritzt.  

1976 wurde der Firma Gerling mitgeteilt, dass die Bundesbahn beabsichtigt, von Solingen nach Düsseldorf eine Schnellbahn zu betreiben. Da deshalb alle Bahnübergänge beseitigt und eine neue Strasse durch das Betriebsgelände der Firma Gerling geplant und gebaut werden musste, sollte die gesamte Firma verlagert werden. Die Kosten der Verlagerung wurden nach intensiver Planungsarbeit von der Firma Gerling und der Firma WIBERA berechnet und der Stadt Solingen, dem Landschaftsamt und der Bundesbahn, die jeweils zu einem Drittel zuständig waren, vorgelegt. 3 Jahre später erklärte die Stadt, eine vollständige Verlagerung käme aus Kostengründen nicht in Frage, es müssten Varianten erarbeitet werden. Die Stadt Solingen war nicht in der Lage, in der Folgezeit Vorschläge oder Pläne anzubieten, wodurch Gerling keinerlei Möglichkeiten hatte, sich auf die Zukunft einzustellen. Der dann natürlich folgende Rechtsstreit betr. Schadenersatzansprüche der Firma Gerling wegen unterlassener Investitionsmöglichkeiten, Renovierungsstaus uws. beschäftigte das Landgericht, das  Oberlandesgericht und das Bundesgericht, bis schliesslich am 3.März 1995, nachdem 19 Jahre vergangen waren, vor dem Landgericht Wuppertal ein Vergleich geschlossen wurde, ein Vergleich zwischen dem Konkursverwalter der Firmengruppe Gerling und der Stadt Solingen.  

Das Hinauszögern der Verlagerungsentscheidung  der Stadt Solingen und das Desinteresse der Oberen dieser Stadt am Erhalt einer Firma mit Weltruf machten eine Zukunftsplanung und Lösung der Mitte der achtziger Jahre auftretenden Änderungen der Weltmärkte nicht möglich. Durch die verstärkt auftretende Produkt- und Markenpiraterie besonders im fernöstlichen und südafrikanischem Raum musste die ursprüngliche Firma GERLING umstrukturiert, verkleinert und vor Allem die Belegschaft reduziert werden. Die Möglichkeit eines Verkaufs der Firma und der gesamten Maschinen in die Türkei oder nach China bestand, hätte aber den Verlust sämtlicher Arbeitsplätze bedeutet und so wurde versucht, in Solingen einen Käufer zu finden. Die Suche war erfolgreich, aber das NEIN der Dresdner Bank zu diesem Plan und der schon unterschriebenen Absichtserklärung bedeutete das AUS für die 85-jährige Mutterfirma und im weiteren Verlauf auch nach Meinung des Konkursverwalters (!) bedingt durch eine gegenüber der Dresdner Bank seinerzeit abgegebene Mithaftung das Aus der anderen erfolgreichen Unternehmen der GERLING-GRUPPE. Der Antrag auf Konkurs wurde 1987 gestellt und war selbst nach 19 Jahren, im Jahre 2006, noch nicht abgewickelt (!).

Das Kapitel "GERLING" war nach 85 Jahren beendet. Mehr als 1 Milliarde Messer wurden in 85 Jahren hergestellt und in aller Welt verkauft. Das Warenzeichen "OKAPI" gehörte in Afrika neben "COCA-COLA" und "GILLETTE" im vergangen Jahrhundert zu den bekanntesten Marken. Die S-Bahn von Solingen nach Düsseldorf wurde am 26.09.1980 eingeweiht, die angeblich notwendige Strasse durch das GERLING-Gelände baute man fast 10 Jahre später. Die Gesamtkosten betr. S-Bahn betrugen 150 Mio. DM. Die Bereitstellung der seinerzeit veranschlagten 7,5 Mio. DM für die Verlagerung der Firma Gerling hätten mit Sicherheit zu einem Fortbestehen der Firma und des Warenzeichens OKAPI geführt und nicht zur Füllung von 4 Aktenordnern im Archiv der Stadt Solingen, die sich mit dem Rechtsstreit GERLING gegen die Stadt SOLINGEN befassen und an eine der grössten Stahlwarenfabriken erinnern...